Martyrium
als ökumenisches Zeugnis
Bekenntnis-Kongress in Bad Blankenburg/Thüringen befasste sich mit
christlichen Blutzeugen
DT vom 26.10.2006
Von Peter C. Düren
Die Bereitschaft, für den
Glauben an Jesus Christus zu leiden, ist nicht den Kardinälen
vorbehalten, die durch das ihnen vom Papst auf das Haupt gesetzte blutrote
Birett zum Ausdruck bringen, dass sie zum Martyrium bereit sind. Während
Kardinäle normalerweise nicht den Märtyrertod erleiden müssen, gab und
gibt es seit der Geburt der aus der geöffneten Seitenwunde Christi am
Kreuz entsprungenen Kirche Millionen von Christen, die aus Hass auf den
Glauben verfolgt und grausam getötet, aber damit auch zum Samen für neue
Christen wurden.
Das Erleiden von
Verfolgung und Tötung aufgrund der Treue zum christlichen Glauben trifft
nicht nur Katholiken, sondern eint konfessionsübergreifend katholische,
evangelische und orthodoxe Christen. Sich dieses gemeinsamen Zeugnisses für
Christus gewahr zu werden, war das Kernthema des Achten Europäischen und
zugleich Zweiten Ökumenischen Bekenntnis-Kongresses der Internationalen
Konferenz Bekennender Gemeinschaften in Bad Blankenburg, der sich in der
vergangenen Woche unter dem Motto „Leiden für Christus – gestern,
heute, morgen“ unter großer Beteiligung hauptsächlich von Theologen
aus ganz Europa zu einer inhaltlich dicht gedrängten Tagung zusammenfand.
Teil der Nachfolge
Christi
Der Initiator Peter
Beyerhaus, emeritierter evangelischer Professor für Missionswissenschaft
und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen, unterstrich,
dass der Kongress dazu dienen solle, eine sorglose Christenheit
aufzuwecken: Es gebe kein kummerfreies glückliches Leben mit einem
nahtlosen Übergang in ein glückliches Jenseits. Vielmehr gehörten
Kreuzesnachfolge sowie das Erleiden von Verachtung, Anfeindung und
Verfolgung wesentlich zur Nachfolge Christi. Zweitens gehe es darum,
Christen darauf aufmerksam zu machen, dass es Teile der Christenheit gebe,
die von harter Verfolgung heimgesucht würden. Dagegen dürfe man nicht
gleichgültig sein, sondern vielmehr müsse man solidarisch handeln mit
dem Ziel, das Los der Verfolgten erträglicher zu machen: „Wenn ein
Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit.“ Es sei daher wichtig, sich
über Märtyrergemeinden unserer Zeit zu informieren und ihnen zu Hilfe zu
kommen.
Als dritten Aspekt des
Kongresses stellte Beyerhaus den ökumenischen Charakter der Tagung in den
Vordergrund: Christen seien verbunden durch das Bemühen um das wirkliche
Einswerden in Jesus Christus, das auch die Gleichgestaltung in seinem
Leiden beinhalte. Hier weite sich die Gemeinsamkeit zu einer Einheit mit
den Märtyrern aller Zeiten. Als Weg der Ökumene führte Beyerhaus aus,
dass da, wo Christen bei ihrer Suche nach Einheit sich auf Christus
konzentrierten und sie sich zu ihm bekennen würden, sie sich auch wieder
näher kämen, im Extremfall auf dem Weg zur gemeinsamen Exekution. So
stand die Tagung in Bad Blankenburg ganz unter dem Zeichen
„Christozentrischer Bekenntnis-Ökumene“ und der von Papst Johannes
Paul II. ins Spiel gebrachten „Ökumene der Märtyrer“. Dass es hier
nicht nur um spirituelle Fragen ging, hob Beyerhaus hervor, der den
politischen Aspekt der Frage so artikulierte: Das Wohl oder Wehe des in
Zukunft vereinten Europas hänge davon ab, dass sich Europa wieder auf
seine fast verschütteten christlich-abendländischen Grundlagen besinne.
Aufmerksamkeit zollten der Tagung auf evangelischer Seite der Thüringer
Landesbischof und stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Kähler, dessen Vorgänger
Landesbischof Werner Leich sowie der frühere Landesbischof der
Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe, Heinrich Herrmanns.
Die orthodoxe Sicht vertrat Bischof Evmenios Tamiolakis von Lefka von der
Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland. Von katholischer Seite
signalisierte Joachim Wanke, Bischof des Bistums Erfurt, durch seine
Anwesenheit Interesse an der Tagung. Die Kardinäle Meisner, Sterzinsky
und Schönborn sowie der für Ökumenefragen in der Deutschen
Bischofskonferenz zuständige Bischof Gerhard Ludwig Müller hatten Grußworte
die ökumenische Tagung gerichtet, ebenso der Ministerpräsident des
Freistaates Thüringen, Dieter Althaus.
Der Beauftragte der
Deutschen Bischofskonferenz und Herausgeber des bereits in vierter Auflage
erschienenen katholischen Martyrologiums („Zeugen für Christus. Das
deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“), Prälat Helmut Moll,
stellte in seinem Grundsatzreferat über die „Ökumene der Märtyrer“
Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verständnis des christlichen
Martyriums heraus. Als besonderes ökumenisches Zeugnis des Martyriums
schilderte Moll die „Weiße Rose“, in der unter anderem zwei junge
evangelische Christen, Hans und Sophie Scholl, ein in der Todeszelle
katholisch Getaufter, Christoph Probst, und der russisch-orthodoxe Christ
Alexander Schmorell ein gemeinsames Blutzeugnis für den christlichen
Glauben ablegten. Der Blutzoll katholischer Priester im
Nationalsozialismus war besonders hoch: 8 021 Geistliche, die Hälfte
aller Priester, seien von Zwangsmaßnahmen getroffen gewesen. 418 Priester
kamen ins Konzentrationslager, wo 110 von ihnen starben. Weitere 59
Geistliche wurden hingerichtet oder ermordet. Einer der im
Konzentrationslager inhaftierten Priester, der mittlerweile 93-jährige
katholische Prälat Hermann Scheipers hinterließ einen tiefen Eindruck,
als er in Vortrag und Predigt seine leidvollen und zugleich von tiefen
christlichen Erlebnissen getränkten Erfahrungen vortrug. Als „Priester
unter zwei Diktaturen“ war er zunächst vier Jahre als Konzentrations-Häftling
in Dachau interniert, wo er nur knapp dem Tod entrann, und dann in der DDR
verfolgt, wo fünfzehn Stasi-Spitzel auf ihn angesetzt waren und er wegen
„staatsfeindlicher Hetze“ fast im Gefängnis von Bautzen gelandet wäre.
Als Kontrapunkt zu der oft
aufgeworfenen Theodizee-Frage, ob man „nach Auschwitz noch beten“ könne,
erklärte Scheipers: „Nie waren wir Gott näher als in Dachau.“ Auch
anderen Zeitzeugen kamen zu Wort, die Christenverfolgung am eigenen Leib
erdulden mussten oder verfolgten Christen halfen, so die evangelische
Pastorin Ok-Hi Park-Denker aus Korea, der frühere Generalvikar in der
nigerianischen Diözese Enugu und Menschenrechtler Professor Obiora Ike
sowie die syrisch-orthodoxe Ordensschwester Hatune Dogan.
Die evangelischerseits
vorgetragenen Beiträge stellten weitere Schicksale verfolgter
evangelischer Christen und zahlreicher Blutzeugen vor Augen.
Interessanterweise habe Dietrich Bonhoeffer als bekanntester und
beliebtester Märtyrer im 20. Jahrhundert evangelischerseits de facto den
Status eines Heiligen, obgleich die evangelische Lehre keinen Heiligenkult
duldet. Der frühere Landesbischof Heinrich Herrmanns warb in seiner
Predigt in der evangelischen Stadtkirche von Bad Blankenburg unter seinen
Konfessionsbrüdern für eine stärkere Berücksichtigung von Märtyrern
in der Spiritualität. Der evangelische Bundesgrenzschutzpfarrer Rolf
Sauerzapf gab in seinem Vortrag allerdings zu bedenken, dass evangelische
Christen keine klare Definition für das Martyrium besäßen und ihnen
klare Kriterien fehlten.
Nahezu vergessene Opfer
Die frühen
Christenverfolgungen im römischen Weltreich zeigten sich im Nachhinein
betrachtet mit einer relativ geringen Zahl von Märtyrern nur als die
Ouvertüre des Blutopfers, das Christen aufgrund ihres Glaubens in
neuester Zeit erleiden mussten. Das zwanzigste Jahrhundert sei das an
Verfolgung blutigste Jahrhundert, wurde unisono bestätigt. Heute sei kaum
bekannt, dass während des spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) 6 700
Priester und Ordensleute umgebracht worden seien. Eineinhalb Millionen
assyrische Christen fanden 1915 bis 1918 den Märtyrertod, ebenso zwanzig
Millionen Christen im Kommunismus. Nach wie vor sei die Verfolgung von
Christen in kommunistischen Staaten stark, ebenso aber in islamischen Ländern.
Im Rahmen des Kongresses konnten sich mehrere Hilfsorganisationen ausführlich
vorstellen, die sich heutiger verfolgter Christen annehmen: die
„Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK)“, „Kirche in Not –
Ostpriesterhilfe“, „Christliche Solidarität International (CSI)“,
die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGMR)“ sowie die
Hilfsorganisation „Open Doors“.
In seinem abschließenden
Vortrag hob Peter Beyerhaus die Notwendigkeit für die ihrem gekreuzigten
Herrn treue Gemeinde vor, sich der Bedrohung von außen und innen bewusst
und „endzeitfest“ zu werden. Dies verlange eine klare Unterscheidung
der Geister. Man müsse sich auf Verfolgungssituationen einstellen und
bereitwillig das Leiden für Christus auf sich nehmen. Das sei für
Christen nicht etwas Außergewöhnliches, sondern etwas Normales und Grund
zur Freude. Leiden um des Evangeliums willen sei für viele Teile der
Christenheit schon heute Realität. Zum Schluss verabschiedete der Achte
Europäische und zugleich Zweite Ökumenische Bekenntnis-Kongress eine
22-seitige Pastorale Denkschrift: „Bereitsein zum Leiden für
Christus“ und einen kurzgefassten gleichnamigen „Blankenburger
Aufruf“. In sieben Punkten entfaltet der Aufruf Anliegen und Fazit des
Kongresses: Es geht um vertiefte Gemeinschaft mit Christus, vertiefte
Besinnung auf das Wort der Bibel, konkrete Informationen über die
Verfolgungen, Wachsamkeit gegenüber den geistigen Zeitströmungen, die
von Jesus vorgelebte Toleranz, die Erkenntnis der Gefahren, die den
Christen heute in der westlichen Welt drohen sowie die treue Pflege
christlicher Bruderschaft vor.