Nicht die demografische
Entwicklung (rückläufige Kirchenmitgliederzahlen)
sind das entscheidende, sondern ihre politische
Rahmenbedingungen! Rolf Heinrich setzt sich mit
diesem Thema auseinander
Rolf Heinrich
DIE KIRCHE VOR DER ARMENFRAGE
Wider die Ideologie demographischer Entwicklung
in der Kirche Landauf landab werden in Erklärungen
von Kirchenleitungen. Synoden und Gemeinden
demographische Modellrechnungen als Mittel benutzt.
um den Rückzug aus den Bereichen sozialpolitischer
Verantwortung der Kirchen, den innerkirchlichen
Sparkurs und den Umbau der Kirche zu einein
Non-Profit-Unternehmen zu ..begründen". Die
ideologische Funktion demographischer
Entwicklungen" wird darin sichtbar, dass sie
nicht inhaltlich theologisch, sozialethisch und
kirchenpolitisch diskutiert und hintertragt werden.
An die Stelle einer kritischen Auseinandersetzung
mit demographischen Entwicklungen tritt eine
unreflektierte Prognosegläubigkeit. Berechnungen
der Statistiker gelten so nicht nur im politischen
Bereich, sondern auch in der Kirche als quasi
Naturgesetze. obwohl die verantwortlichen Leiter der
statistischen Landes- und Bundesämter immer wieder
betonen, dass Überlegungen zur Bevölkerungsentwicklung
Modellrechnungen sind. denen bestimmte
Voraussetzungen zugrunde liegen, unter denen sie
gelten und daher von Prognosen streng zu
unterscheiden sind (vgl. Gerd Bosbach, Die modernen
Kaffeesatzleser, FR 23.2.2004. 6. abgedruckt in
TRANSPARENT 72, April 2004, S. 24-2S), l. Benutzt
werden demographische Entwicklungen um den
dramatischen Rückgang der deutschen Bevölkerung
und der deutschen evangelischen Christen zu beschwören.
ohne nach den Ursachen zu fragen. Dazu gehören:
Steigende Kinderarmut (denn nicht die Armut an
Kindern, sondern die Armut von Kindern ist das
Problem); ungleiche Bildungschancen; fehlende
Perspektiven auf einen Ausbildungsplatz und ein
existenzsicherndes Einkommen: drohende
Arbeitslosigkeit. Eine kinderorientierte Familien-,
Sozial- und Wirtschaftspolitik würde die
demographischen Modellrechnungen. die zur Zeit nur
den sozialen und politischen Status quo
fortschreiben, schon ganz anders aussehen lassen,
wie z.B. die Bevölkerungsentwicklung in Frankreich
mit einer anderen Familienpolitik als in Deutschland
deutlich macht (vgl. Gerd Bosbach. FR 23.2.2004. 6).
Nicht demographische Entwicklungsprozesse sind das
Entscheidende, sondern ihre politischen
Ramenbedingungen. Kirchen tragen zu einer weiteren
Verschärfung der sozialen Situation bei. wenn sie
aus so genannten Sparzwängen Kindergärten und
Jugendeinrichtungen als erstes schließen. Die
geplanten neuen Finanzausgleichsgesetze im Bereich
der Ev. Kirche von Westfalen werden diesen negativen
Regelkreis noch beschleunigen. Vorweg wird durch
Kirchensteuern der Bedarf der landeskirchlichen und
kreiskirchlichen Arbeitsbereiche und der
Verwaltungen gedeckt. Dazu gehören u.a. die
Erweiterung und der Ausbau des Landeskirchenamtes in
Bielefeld, die Finanzierung der Fusionen von
Kirchenkreisen und von kostspieligen Werbeaktionen
und Werbebroschüren... Die Gemeinden erhalten das,
was übrig bleibt, verteilt nicht nach ihrem Bedarf,
ihrem Profil und ihrer sozialen Verantwortung
sondern nach den Pro-Kopf-Mitgliedern der Gemeinden.
Was zu einer weiteren Verarmung der Gemeinden vor
Ort führt. Ein interner Lastenausgleich zwischen
armen und reichen Gemeinden ist nicht vorgesehen
(vgl. 2. Kor S,7-15). Nicht Profil und soziale
Aufgaben einer Gemeinde sollen also entscheidend
sein, sondern der demographische Faktor, die rein
statistische Größe der Mitgliederzahl. Kleine
Gemeinden im Nahbereich vor Ort in sozial und
strukturell schwachen Gebieten, in denen sich
Einkommens- und Bildungsarmut konzentrieren, werden
als erste ihrem Auftrag und ihrer Verantwortung den
Mitarbeiterinnen und den Menschen im Stadtteil gegenüber
nicht mehr nachkommen können und dadurch zum Abbau
von Arbeitsplätzen und zur Verslummung von
unterprivilegierten Stadtteilen beitragen. 2. Eine
Kirche, die die Ideologie demographischer
Entwicklungen unkritisch übernimmt. beteiligt sich
an der „biologischen" und sozialen Spaltung
der Gesellschaft. Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang
Huber hat eine Umverteilung der Lasten zu Gunsten jüngerer
Generationen gefordert. Die Kirche habe die
demographische Entwicklung unterschätzt. Es gehöre
zur Verantwortung der jetzt bestimmenden Generation,
der nächsten keine Fasten aufzubürden, die diese
nicht tragen könne {www.glaubeaktnell.net/nachrichten/9.6.2004)
Seriöse Betrachtungen dürfen aber nicht nur den
Altersquotienten, sondern müssen auch den
Jugendquotienten berücksichtigen, denn nur beide
zusammen bilden eine aussagekräftige Größe über
die von den Erwerbstätigen zu versorgenden
Menschen. Kinder und Jugendliche erfordern neben
Essen, Kleidung und Wohnen auch gesellschaftliche
Ausgaben, wie z.B. Kindergärten und Schulen...
(vgl. Gerd Bosbach, FR 23.2.2004, 6). Es gehört zum
Charakter von Ideologien. dass sie gesellschaftliche
und soziale Widersprüche umdeuten und von den
eigentlichen Ursachen gesellschaftlicher
Ungleichheiten ablenken. Der ständig wachsende
Gegensatz zwischen arm und reich wird zu einer
biologischen Kluft zwischen jung und alt umgedeutet
und das leider auch in einer Kirche, für die das
generationenübergreifende Zusammenleben in
Gemeinden und die Frage nach der sozialen
Gerechtigkeit wesentlich sind. Renten und Pensionen
hängen aber nicht von der Biologie, sondern von der
Ökonomie und der Politik ab. Entscheidend ist, wie
viel Reichtum die Volkswirtschaft erzeugt und von
wem und auf wen dieser Reichtum verteilt wird.
Behauptet wird, künftige Generationen hätten hohe
Schuldenberge abzutragen. „Dabei lastet der
Schuldendienst nur auf einem Teil der kommenden
Generationen; ein anderer erhält mehr Zinsen aus
(geerbten) Schuldverschreibungen des Staates, als er
selbst an Steuern zahlt und profitiert dadurch sogar
von heutigen Budget-Defiziten." (Christoph
Butterwege, Demographie als Demagogie, FR 4.5.2004,
9) 3. Die Ideologie demographischer Entwicklung
verschleiert, dass nicht der Rückgang der deutschen
Bevölkerung ökonomische Probleme verursacht,
sondern eine im Laufe der Jahre ständig gewachsene
Steuerungerechtigkeit. Steuerpolitik soll eigentlich
dem sozialen Ausgleich dienen. Sie dient aber als
Quelle von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Der
Anteil der Lohnsteuer am Steueraufkommen ist in den
letzten 25 Jahren von 30 auf 35% gestiegen. Die
Gewinn- und Vermögenssteuer wurde von 29% auf 14%
halbiert. Seit 1997 gibt es keine Vermögenssteuer
mehr. Sie würde bis zu 40 Milliarden Euro jährlich
bringen. Selbständige und Unternehmen tragen nur
5.7% der Steuerlast. Aktiengesellschaften und GmbHs
dürfen sich weiter vor der Steuer drücken. Die
Enquetekommission des Deutschen Bundestages spricht
von einer „fiskalischen Umverteilung von unten
nach oben." Die Ungerechtigkeit des
„Mammon" liegt hauptsächlich darin. dass er
aus einer Umkehr der Verteilung gesellschaftlichen
Reichtums entsteht: Güter und Geld fließen nicht
von den Reichen zu den Ärmeren, sondern umgekehrt
von den Armen zu den Reichen (Jes. 3,14). Die
Kirchen beteiligen sich in mehrfacher Hinsicht an
diesem Verschleierungsprozess: • Sie behaupten,
der Rückgang der Kirchensteuereinnahmen sei auf die
demographische Entwicklung zurückzuführen und
verschweigen, dass vielmehr die
Steuerungerechtigkeit eine Hauptursache ist. • Sie
thematisieren nicht, ob nicht die
Kirchensteuerpflicht auch für juristische Personen
wie Kapitalgesellschaften gelten kann (wie in der
Schweiz), und zwar deshalb, weil die Kirchensteuer
als Personensteuer immer problematischer wird. je
mehr der einzelnen Steuerzahler hinter
Kapitalgesellschaften verschwindet. • Sie
thematisieren die Ursachen sozialer Demontage nicht
energisch genug in der Öffentlichkeit. • Sie gewähren
Großverdienern Nachlässe bei der Kirchensteuer, so
dass viele von ihnen nur 2% Kirchensteuer zahlen.
Sie beharren auf ihrer Gewohnheit, ihre Arbeit
alleine durch staatliche Zuschüsse und
Kirchensteuereinnahmen zu bestreiten und nicht auch
durch Einbringen ihrer Rücklagen. Kapitalisierung
ihres Vermögens und Kreditaufnahme bei ihren
eigenen Banken, in die Kirchensteuereinnahmen
jahrzehntelang geflossen sind. • Sie wagen es
nicht, ihre Kirchensteuereinnahmen zum Gegenstand öffentlicher
Diskussion zu machen, weil sie von der Bedeutung
ihrer Arbeit und der Kraft des Evangeliums nicht
wirklich überzeugt sind. So groß wie die Glaubens-
und Identitätskrise der Kirche ist, kann ihre
Finanzkrise überhaupt nicht werden. Sie sind eher
bereit sich zu Tode zu sparen und sich aus ihrer
Verantwortung im öffentlichen sozialen Bereich zurückzuziehen.
als phantasievoll und kreativ über einen
alternativen Umgang mit Geld. Rücklagen. Vermögen
und Gebäuden nachzudenken. Es wird noch nicht
einmal über die ökonomischen Rahmenbedingungen in
der Kirche gestritten, sonst müsste man ja die
Finanzierung der Kirche theologisch und
gesellschaftspolitisch kritisch überdenken (Z.B. in
Richtung allgemeine Kultursteuer wie in Italien und
Spanien). Durch ihr panisches und perspektivloses
Verhalten demontieren die Kirchen selbst ihre
Hinnahmequelle, die Kirchensteuer. Die Kirchensteuer
gibt es. weil die Kirchen in erheblichem Umfang
Leistungen auch über ihre Mitglieder hinaus für
die Allgemeinheit erbringen, ziehen die Kirchen sich
aus diesem Bereich ihrer Verantwortung zurück und
werden sie im Widerspruch zu ihrem Auftrag (Kirche
der Armen, der Fremden und Ausgegrenzten zu sein)
zum christlichen Konventikel. der sich nur noch für
evangelische Christen verantwortlich fühlt, dann
gibt es keine Begründung mehr für die
Kirchensteuer und auch nicht mehr für andere
kirchliche Privilegien im öffentlichen Bereich. 4.
Durch den Rückgriff auf „demographische
Entwicklungen" sollen soziales Unrecht und
soziale Demontage in der Kirche selbst verschleiert
werden: Arbeitsplätze von Putzkräften, Küstern.
Hausmeistern. Erzieherinnen. Sozialarbeiterinnen.
Pfarrerinnen werden abgebaut. Angestellte.
Arbeiterinnen und Pfarrerinnen mit Zeitverträgen
tragen alleine ein ..Arbeitsplatzrisiko" in der
Kirche, kirchliche Beamte aber nicht. Wer sind die
Armen in der Kirche? Gespart werden soll in der
Kirche durch den sozial verträglichen Abbau von
Arbeitsplätzen, durch betriebsbedingte Kündigungen.
Gleichzeitig schämt die Ev. Kirche von Westfalen
sich nicht, Gelder für den „Gemeinschaftsfond
Arbeitslosigkeit" bereit zu stellen und um
Spenden zu bitten. Vermutlich empfindet sie das
ebenso wenig als Widerspruch, wie ein Unternehmen,
das Geld für künstlerische und soziale Zwecke
spendet und gleichzeitig Arbeitsplätze abbaut. Die
unterschiedliche Besoldungsstruktur und die
ungleiche Behandlung von Beamten, Arbeitern und
Angestellten hätten längst in den innerkirchlichen
Diskussionsprozess gehört. Es wird nach wie vor
nicht in Frage gestellt, geschweige denn
kirchenintern diskutiert, dass die
Verwaltungsordnung der Kirche an der Sicherung und
Mehrung des Vermögens und nicht an der Sicherung
der Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiterinnen orientiert
ist. Die Verwaltungsordnung der EKvW sieht es bisher
nicht vor, dass zur Sicherung von Arbeitsplätzen
und zum Ausgleich von Gemeinde-Haushalten in
Not-Zeiten für einen zeitlich begrenzten Zeitraum
Kredite bei kircheneigenen Banken aufgenommen werden
können. Auf Anfrage des Presbyteriums der Ev.
Lukas-Gemeinde, Gelsenkirchen-Buer-Hassel hat die
KD-Bank erklärt, dass Kirchengemeinden als Körperschaften
öffentlichen Rechtes es leichter haben als
Unternehmen Kredite zu bekommen, wenn sie nicht mehr
liquide sind. Die Kirchenleitung der EKvW hat
allerdings die Verwaltungsordnung der EKvW (ebenso
wie die EKiR) geändert, als es um die rentablere
Anlage von kirchlichen Geldern in Aktien und
Wertpapieren ging. Es wurde eine Ausnahme von der Mündelsicherheit
bei der Anlage kirchlicher Gelder (§ 50) zugelassen
durch Beschluss der Kirchenleitung der EKvW vom
25./26.4.200l (vermutlich nachträglich!?), so dass
30% des gesamten Kapital- und Rücklagevermögens in
deckungsfähigen Fonds angelegt werden konnten.
Dadurch wurden Millionen Euro verspekuliert! Zynisch
erklärte der Vizepräsident der EKvW Klaus
Winterhoff in UK „Tafelsilber bleibt im
Schrank", dass Vermögenswerte nicht ausgegeben
und Gebäude nicht verkauft werden dürften, um
Arbeitsplätze zu sichern. „Wir müssen dafür
sorgen, dass die, die nach uns kommen, noch
Grundvermögen und Erlöse haben." Die
Generationsgerechtigkeit gebiete es, das Vermögen
der Kirche zur Finanzierung der kirchlichen Arbeit
auch in Zukunft zu sichern. (UK 15.8.2004, 5)
Allerdings wurde längst beschlossen, Gebäude und
Grundstücke der Kirche aus „Finanznot" zu
verkaufen. Es wäre dringend nötig zu überprüfen,
ob die von Landeskirchen und Kirchenkreisen
beschlossenen Schließungen von Einrichtungen zwar
zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt hat, aber der
Verkauf der Grundstücken und Gebäuden bisher nicht
nur nicht gelungen ist, sondern noch zusätzliche
Gelder gekostet hat. Der anvisierte Spareffekt bezog
sich also auf Menschen und ihre Arbeit, nicht aber
auf kirchliche Grundstücke und Gebäude. Der
Verkauf von Grundstücken und Gebäuden dient zum
Alibi für den Abbau von Arbeitsplätzen. • Gekürzt
werden Löhne in den Niedriglohngruppen.
Mitarbeiterinnen in der Diakonie werden 40 Stunden
arbeiten, sie werden auf Urlaubsgeld verzichten,
gleichzeitig erhalten leitende Angestellte in der
Diakonie frei ausgehandelte Managergehälter... Wie
hieß es noch 1997 im gemeinsamen Wort des Rates der
EKD und der DBK „Für eine Zukunft in Solidarität
und Gerechtigkeit“? „Es genügt nicht, wenn die
Kirchen die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen
und die Verhaltensweisen der darin tätigen Menschen
thematisieren. Sie müssen auch ihr eigenes Handeln
in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht bedenken.
Das kirchliche Engagement für Änderungen in der
Gesellschaft wirkt um so überzeugender, wenn es
innerkirchlich seine Entsprechung findet.'1 Die
evangelische Kirche ist nach ihrem Auftrag und ihrer
Verheißung keine Kirche, die von demographischen
Entwicklungen abhängig ist, nicht von der
demographischen Entwicklung der Deutschen und auch
nicht von der demographischen Entwicklung der
evangelischen Christen in Deutschland. Sie ist nicht
an quantitativer Masse, nicht an Volk, Nation,
Religion oder Rasse orientiert, sondern sie war und
ist eine qualitative Minderheitenbewegung in der
Kirche und in der Gesellschaft. (Wo zwei oder drei
in Jesu Namen versammelt sind. ist er mitten unter
ihnen. Und: Zehn Gerechte können eine ganze Stadt
retten.) Sie ist die Kirche der Armen, der
Rechtlosen, der Fremden und Ausgegrenzten und in
diesem Sinne ist sie ein „global player" (Mt
25,31-40) Sie nimmt die persönlichen, politischen
und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Kirche und
in der Gesellschaft aus der Perspektive der
Geringsten wahr. Die Lebensrechte und die Würde der
Geringsten in Gesellschaft und Kirche offenbaren den
Zustand und die Humanität der gesamten
Gesellschaft. In den Armen ist das ganze Volk. ja
die ganze Menschheit gegenwärtig. Die Kirche ist
die Kirche der Armen, die weiß, dass ihr alles
andere von selbst zufällt, wenn sie am ersten nach
dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit trachtet.
„Ihr gehört nicht zu den Herren, ihr könnt nicht
neutral sein und es allen Leuten recht machen. Ihr
gehört unter allen Umständen zum gemeinen Volk...
Denn Gott ist wohl ein Gott der Juden und der
Heiden, aber nicht ein Gott der Hohen und der
Niedrigen, sondern einseitig ein Gott der Niedrigen,
nicht der Gott der Großen und der Kleinen, sondern
rücksichtslos der Kleinen." (Karl Barth, An
die Römer, 7. Aufl.. München. 1933, S. 89f) Die
Kreissynode Gelsenkirchen hat am 5.7.2004 fast
einstimmig eine gemeinsame ..Stellungnahme zur
Globalisierung" der Kirchenkreise Bochum,
Gelsenkirchen Wattenscheid und Herne verabschiedet.
In ihr heißt es „Nicht mehr die Menschen und ein
möglichst gutes und stabiles Gemeinwesen stehen im
Vordergrund wirtschaftlicher Interessen. sondern
eine Kostensenkungslogik. die um ihrer selbst willen
als Wert alles andere bestimmte... Menschen werden
zu Kostenfaktoren reduziert und haben in dieser
Logik nur noch wert im Rahmen ihrer ökonomischen
Verwertbarkeit... Ökonomie ist eine von Menschen
gestaltete Ordnung. die nicht irgendwelchen
Naturgesetzen unterliegt. Ihre Regeln sind veränderbar
und können - zum Wohle aller! - gestaltet werden.
Die Kirche ist seit jeher Teil der jeweils
herrschenden ökonomischen Systeme gewesen,
besonders die Kirchen, die sich über ein
Steuersystem finanzieren und in hohem Maße soziale
Dienstleistungen erbringen. Um so dringlicher suchen
wir nach Wegen. die mit unseren Werten und Überzeugungen
einhergehen... Die Perspektive der Benachteiligten
und die Konsequenzen für sie (sind) in
Entscheidungsprozessen als grundlegendes Kriterium
anzusehen und dies (ist) dem wirtschaftlichen Nutzen
von Entscheidungen gleichzustellen." Niemand
lachte, als diese vollmundige Erklärung
mehrheitlich verabschiedet wurde. Auf die Nachfrage,
diesen Beschluss doch zunächst auf die Gemeinden
und die Kirche selbst in ihrem Umgang mit Geld und
Mitarbeiterinnen anzuwenden, herrschte betretenes
Schweigen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Frage
nach sozialer Gerechtigkeit und die nach der Sünde
in kirchlichen Systemen und Strukturen von
Kirchenleitungen, von zentralen. fusionierten Großeinrichtungen
der Kirche. von marktförmigen diakonischen
Unternehmen. von kirchlichen GmbHs oder gGmbHs
gestellt wird. sondern wenn überhaupt dann von
Gemeinden vor Ort in Überschaubarer Nachbarschaft,
die hautnah die soziale Demontage miterleben und
mittragen. Wir brauchen dringend in unserer Kirche
eine Bewegung der Gemeinden von unten, denn die
Frage nach dem Umgang mit Geld war und ist eine
Bekenntnisfrage. Eine Bewegung von unten ist zur
Zeit nötiger denn je, weil Kirchenleitungen dabei
sind. die presbyterial-synodale Ordnung dieser
Kirche abzuschaffen und die Kirche zu einem marktförmigen
Unternehmen umzugestalten, dem demographische
Entwicklungen, Unternehmensphilosophie und Sicherung
des Vermögens wichtiger sind als das Evangelium,
die befreiende Botschaft der Armen.
(Rolf Heinrich in AMOS - kritische Blätter aus dem
Ruhrgebiet, Nr. 3-2004)