Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD) und Bischof der Evangelischen Kirche
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Wolfgang Huber hat am
heutigen Donnerstag in Berlin die Erklärung des Rates: „Wo Glaube wächst
und Leben sich entfaltet“ vorgestellt. In dem im Gütersloher
Verlagshaus erschienenen Buch wird „Der Auftrag evangelischer
Kindertageseinrichtungen“ dargestellt. Die EKD sehe in den
Kindertageseinrichtungen einen "besonderen Schatz der
Kirche" erklärte Huber auf einer Pressekonferenz und plädierte
für einen "doppelten Paradigmenwechsel" in Kirche und
Gesellschaft einen Wechsel zugunsten der Kinder und zugunsten ihrer
ganzheitlichen Bildung.
Lebensorientierung im umfassenden Sinn sei das Ziel von
Elementarbildung so Huber. "Einer nur auf die Vermittlung von
Fertigkeiten und deren spätere Nützlichkeit ausgerichteten
Bildungsvorstellung widersprechen wir. Vor allem die kirchlichen
" Institutionen sollten sich an einem solchen
ganzheitlichen Verständnis von Bildung orientieren. Sie auf diesem
Weg zu stärken und die Mitarbeiterschaft auf diesem Weg zu ermutigen
sei
die wichtigste Zielsetzung des vorgestellten Textes.
Zur Bildungsverantwortung der evangelischen Kirche gehöre auch die Förderung
von sozialer Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Huber
plädierte für eine Reform der Aus- und Fortbildung der in
Tageseinrichtungen beschäftigten Fachkräfte. Innerhalb der jeweils
erreichbaren finanziellen Rahmenbedingungen sei zumindest für das
Leitungspersonal der Einrichtungen ein Fachhochschulabschluss
anzustreben.
Mit der Erklärung des Rates äußert sich die Evangelische Kirche in
Deutschland (EKD) erstmalig umfassend und grundsätzlich zur Frage der
Zukunft der etwa 9.000 evangelischen Kindertagesstätten in denen rund
61.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt sind und etwa
540.000 Kinder betreut werden. Die evangelische und die katholische
Kirche zusammen sind mit einem Marktanteil von 50 Prozent die größten
freien Träger von Kindertageseinrichtungen in Deutschland.
Hannover/Berlin 1. April 2004
Pressestelle der EKD
Christof Vetter
Hinweis: “Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet. Der Auftrag
evangelischer Kindertageseinrichtungen. Eine Erklärung des Rates
der Evangelischen Kirche in Deutschland“ ist erschienen im Gütersloher
Verlagshaus (1. April 2004) und kann im Buchhandel bezogen zum Preis
von 5 95 Euro. Auszüge finden Sie im Internet unter:
http://www.ekd.de/weitere_texte
Es folgt das Pressestatement von Wolfgang Huber im Wortlaut.
"Elementarbildung, also Bildung im vorschulischen Bereich, zieht
neuerdings verstärkte Aufmerksamkeit auf sich. Die Kirchen haben an
diesem Bereich einen erheblichen Anteil. Im Bereich der Evangelischen
Kirche in Deutschland gibt es ungefähr 9.000 evangelische
Kindertagesstätten, in denen rund 61.000 Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen beschäftigt sind und etwa 540.000 Kinder betreut
werden. Die evangelische und die katholische Kirche zusammen sind mit
einem Anteil von 50% die größten freien Träger von
Kindertageseinrichtungen in Deutschland.
Die evangelische Kirche hat darum allen Grund, sich in die Diskussion
um den Wert frühkindlicher Bildung aktiv einzuschalten und ihre
Position in dieser Diskussion darzulegen. Wir tun dies auf dem
Hintergrund einer umfassenden Bildungskonzeption, die wir im Jahr 2003
in der Denkschrift „Maße des Menschlichen. Evangelische
Perspektiven zur Bildung in der Wissensgesellschaft“ vorgelegt
haben. Konsequenzen für den Elementarbereich ziehen wir mit der
Schrift, die ich Ihnen heute vorstellen möchte: „Wo Glaube wächst
und Leben sich entfaltet: Der Auftrag evangelischer
Kindertageseinrichtungen“.
Zum ersten Mal wird in dieser Schrift für den evangelischen Bereich
umfassend und grundsätzlich zur Konzeption der Bildungsarbeit in
Kindertageseinrichtungen und zur Zukunft dieser Einrichtungen Stellung
genommen.
Die EKD sieht in den Kindertageseinrichtungen einen besonderen Schatz
der Kirche"" " und zugleich einen wichtigen Beitrag zum
Bildungsauftrag der Gesellschaft insgesamt. Wir plädieren für einen
"doppelten Paradigmenwechsel" in Kirche und Gesellschaft
einen Wechsel zugunsten der Kinder und zugunsten von Bildung.
Ein Paradigmenwechsel zugunsten der Kinder: Unser Bildungskonzept
insgesamt orientiert sich am Gedanken der Gottebenbildlichkeit des
Menschen und damit an der Vorstellung von der gleichen Würde jedes
Menschen. Deshalb wollen wir Menschen auf jeder Stufe ihrer
biographischen Entwicklung in ihrem Personsein wahrnehmen und fördern.
Das gilt auch für Kinder auf den frühen Stufen ihrer Entwicklung.
Es ist nicht angemessen in ihnen nur Adressaten oder gar Objekte von
Betreuung zu sehen. Ebenso unangemessen aber ist es sie nur unter dem
Gesichtspunkt ihrer späteren wirtschaftlichen Nützlichkeit zu
betrachten und deshalb schon die Phase der Kindheit vorrangig unter
den Aspekt
späterer Leistungsanforderungen zu rücken. Wir sind vielmehr davon
überzeugt dass jede Lebensstufe und jede Lebenslage in ihrem eigenen
Gewicht gewürdigt werden muss.
Ein Paradigmenwechsel zugunsten von Bildung: An die Stelle einer bloßen
Betreuung im Vorschulalter tritt Elementarbildung. Dieser Wandel ist
bereits in vollem Gange. Aber unter Bildung ist dabei eine
ganzheitliche Persönlichkeitsbildung verstanden; Lebensorientierung
im umfassenden Sinn ist das Ziel. Einer nur auf die Vermittlung von
Fertigkeiten und deren spätere Nützlichkeit ausgerichteten
Bildungsvorstellung widersprechen wir. An einem ganzheitlichen
Bildungsverständnis sollen sich vor allem auch die eigenen
kirchlichen Institutionen orientieren. Sie auf diesem Weg zu stärken
und die Mitarbeiterschaft auf diesem Weg zu ermutigen ist die
wichtigste Zielsetzung dieser Schrift.
Doch wir wollen damit zugleich einen Beitrag zur allgemeinen
gesellschaftlichen Diskussion leisten. Unsere Gesellschaft befindet
sich in einem epochalen Umbruch. Er fordert uns alle heraus. Auch für
die Kirchen ist er von einschneidender Bedeutung. Es ist wichtig dass
die Kirche in dieser Zeit die ihr gemäße Rolle in Staat und
Gesellschaft bewusst und konsequent annimmt und wahrnimmt. Sie tut das
übrigens nicht von außen sondern als Teil dieser Gesellschaft. Sie
bildet auch nicht einen Staat im Staate sondern stellt eine intermediäre
Institution in der Zivilgesellschaft dar. Die Kirche hat ein eigenes
Handlungsfeld von hohem Rang: Gottesdienst und Seelsorge
Gemeinschaftsbildung und Mission Bildung und Diakonie beschreiben
dieses eigene Handlungsfeld der Kirche. Aber sie wirkt zugleich in die
Gesellschaft hinein. Dabei begegnet sie drei
vorrangigen Herausforderungen.
Sie tritt für ganzheitliche Bildungsprozesse ein und will unter
dieser Perspektive auch das öffentliche Bildungswesen insgesamt mitprägen
und mitgestalten. Sie nimmt ethisch-politische Verantwortung für
Frieden und Gerechtigkeit wahr. Und sie trägt bei zu einer Kultur des
Helfens in
unserer Gesellschaft wie auch weltweit.
Sie trägt mithin
eine wesentliche Bildungsverantwortung für das Gemeinwesen;
sie hat ein ethisches Mandat gegenüber der Politik wahrzunehmen;
sie hat schließlich eine diakonische Verpflichtung gegenüber der
Gesellschaft.
Die kirchlichen Bildungseinrichtungen für Kinder in aller erster
Linie die Kindertagesstätten sind ein Feld auf das sich alle drei
Aspekte zugleich beziehen.
Denn in den Kindertagesstätten konkretisiert sich die kirchliche
Bildungsverantwortung für eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung
"von Anfang an". Darin liegt auch ein Beitrag zu unserem
Bildungswesen im Ganzen. Dass Einrichtungen für Kinder nicht nur als
Betreuungs- oder gar
Aufbewahrungsmöglichkeiten sondern als Bildungseinrichtungen zu sehen
sind sollte heute im Grundsatz unumstritten sein. Doch diesen Ansatz
mit Leben zu erfüllen bleibt eine große Aufgabe.
Tageseinrichtungen für Kinder sind aber auch ein politischer Faktor.
Sie tragen durch Vermittlung von Werten und ethischen Normen zu einer
ganzheitlichen Erziehung zu Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit bei und
dienen damit letzten Endes auch einer Kultur des Friedens. Dies muss
sich
gerade unter den multikulturellen und multireligiösen Bedingungen der
Gegenwart zeigen und bewähren. In evangelischen Tageseinrichtungen für
Kinder muss das in einer Form geschehen in der das christliche Profil
der Einrichtungen nicht bloß gewahrt bleibt sondern als der Ermöglichungsgrund
von Freiheit interkultureller Begegnung und Toleranz erkennbar wird.
Von bleibendem Gewicht ist schließlich auch der diakonische Aspekt:
In der Wahrnehmung ihrer Bildungsverantwortung unterstützt unsere
Kirche
Kinder und berät Familien auf ihrem Weg durch. das Leben. Sie hilft
insbesondere auch Frauen denen in verstärktem Umfang Freiräume für
gesellschaftliche und berufliche Partizipation erschlossen werden müssen.
Der Rat und die Kirchenkonferenz der EKD haben sich in den vergangenen
Monaten ausführlich mit der Zukunft der kirchlichen Kindertagesstätten
beschäftigt. Der Rat versteht diese Einrichtungen im eben skizzierten
Sinn als Markenzeichen evangelischer Gemeinden.
Die EKD sieht in den evangelischen Kindertagesstätten vorrangig
Bildungsinstitutionen und ordnet die Aspekte der Betreuung und
Erziehung
dem Bildungsauftrag zu. Bildung ist nach christlichem Verständnis
nicht allein Wissensvermittlung sondern meint ein umfassendes
Geschehen der
Persönlichkeitsentwicklung das in der Bestimmung jedes einzelnen
Menschen zum Ebenbild Gottes gründet. In ihrer Bildungsarbeit geht es
der EKD daher vorrangig auch um religiöse Bildung. Diese soll den
Kindern und Familien helfen die eigene religiöse Identität zu finden
und dabei die Meinung und den Glauben anderer zu achten.
Zur Bildungsverantwortung der evangelischen Kirche gehört es
angesichts der größer gewordenen Schere zwischen Kindern in begünstigten
und benachteiligten Lebenslagen aber auch in den eigenen Einrichtungen
soziale Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zu fördern.
Angebote zur Unterstützung der elterlichen Erziehungsleistung die über
die Betreuung der Kinder hinausgehen müssen ausgebaut werden. Zum
evangelischen Selbstverständnis gehört es ferner Kinder mit
Behinderungen in den Alltag der Kindertagesstätte zu integrieren.
Kinder erleben - oft in der Nachbarschaft anderer kultureller Kontexte
- evangelisches Christsein als Hilfe zum Leben; sie begegnen im
Glaubenszeugnis der christlichen
Gemeinde dem Gott der Große und Kleine liebt der Schwache stärkt und
Starke in die Schranken weist weil er Gerechtigkeit und Frieden will.
Die Qualität der pädagogischen Arbeit mit Kindern beruht auf der pädagogischen
Ausbildung ihrer Erzieher/innen sowie auf der Bereitschaft der Träger
und der Elternschaft in Prozesse der Qualifizierung und Steigerung der
eigenen Erziehungs- und Bildungskompetenz einzutreten. Dafür setzt
sich die evangelische Kirche ein. Wir halten eine Reform der Aus- und
Fortbildung der Fachkräfte für dringend nötig. Im Rahmen der
jeweils erreichbaren finanziellen Rahmenbedingungen ist zumindest für
das Leitungspersonal der Einrichtungen ein Fachhochschulabschluss
anzustreben.
Zugleich erinnert die evangelische Kirche den Staat an die Wahrnehmung
seines Bildungsauftrages der sich mit dem spezifischen Bildungsauftrag
der Kirche überschneidet ohne mit ihm identisch zu sein. Sie wirkt
darauf hin dass er die dem Rechtsanspruch unterliegenden Kindertagesstättenplätze
zunehmend staatlich voll finanziert und somit finanzielle
Rahmenbedingungen schafft die Beitragsfreiheit gewährleisten.
Die Frage der kirchlichen Kindertagesstätten ist eine Zukunftsfrage für
Kirche und Gesellschaft. Denn im Kindergartenalltag ist die Kirche von
Morgen schon lebendig; in den sich hier vollziehenden
Integrationsprozessen wird die Gesellschaft der Zukunft exemplarisch
vorweggenommen. Die EKD stimmt deshalb Donata Elschenbroich zu:
"Die Zukunft lernt im Kindergarten." Weil das so ist lädt
die EKD zu dem doppelten Paradigmenwechsel ein."
02.04.2004